sysTEMATIC - Newsletter der AOK Systems

0.1 Gesundheit und Politik

Die Herausforderung der Zukunft

Die Pflegeversicherung feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Zum Jahresbeginn ist das „Erste Pflegestärkungsgesetz“ in Kraft getreten – weitere folgen. Wie die AOK Betroffene unterstützt, welche Rolle eine gute IT-Struktur spielt und was die Zukunft bringt, erklärt die Abteilungsleiterin Pflege beim AOK-Bundesverband.

Die Pflegeversicherung ist zwanzig Jahre alt geworden. Eine Erfolgsgeschichte?

Ja. 

Ohne Punkt und Komma?

Ziel war, Sozialhilfeabhängigkeit zu reduzieren. Das war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile ist die Unterstützung der Hilfe zur Pflege wieder gestiegen, da lange Zeit die Leistungsbeträge nicht angehoben wurden. Aber mit der 4. Dynamisierung in der letzten Pflegereform wird dem entgegengetreten. Und die Fehler, die man von Anfang an gemacht hat, wie zum Beispiel bei der Festlegung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs, will man in dieser Legislaturperiode auch angehen.

Rund 51 Prozent der Pflegebedürftigen sind bei der AOK versichert. Das ist eine große Verantwortung und Herausforderung.

Auf jeden Fall. Es geht daher darum, die besten Rahmenbedingungen für unsere Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen zu schaffen. Das bedeutet, den Pflegebedürftigen die Möglichkeiten zu eröffnen, möglichst nach ihren individuellen Bedürfnissen den Hilfe- und Versorgungsmix zusammenzustellen. Bei den Angehörigen hat es aus AOK-Sicht höchste Priorität, die Belastungsfaktoren zu reduzieren, um das familiale Pflegepotenzial erhalten zu können.

In den vergangenen Jahren wurden die Leistungen der Pflegeversicherung stetig ausgebaut. Was fehlt?

Eine Gesamtstrategie. Bisher erweckte es oft den Eindruck, dass der Gesetzgeber nach dem Gießkannenprinzip Leistungen ausweitet und Geld ausschüttet – ohne das gesamte System im Fokus zu haben.

Wird es besser oder ist es noch ein mühseliger Weg?

Es ist ein mühseliger Weg. Die Akteure in der Szene wissen das. Aber die Entwicklungsprognosen machen Druck, dass wir besser werden.

Mit den Leistungen wurden die Pflegestrukturen ausgebaut und verbessert. Das kann aber noch besser werden, oder?

Ja. Der Gesetzgeber hat immer nur diese eine Marschrichtung: ambulant vor stationär. Ob dieser Grundsatz so glücklich ist, wage ich zu bezweifeln. Wir brauchen für jeden ein geeignetes Setting – und ich glaube nicht, dass das immer ambulant ist. Wichtig ist, dass jeder nach seinen individuellen Bedürfnissen sein Setting auswählen kann, ohne sich vom Geldbeutel leiten lassen zu müssen. Das muss der Anspruch bei der Weiterentwicklung der Pflegeversicherung sein. Die Infrastruktur muss daher vielfältig sein, von professioneller Pflege bis hin zur Pflege in der Familie und zum bürgerschaftlichen Engagement.

Viel Pflegearbeit findet in den Familien statt. Wird sich das ändern?

Ich glaube schon. Es ist heute aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr selbstverständlich, dass Pflege in der Familie stattfindet. Sei es, dass es keine Angehörigen gibt oder Angehörige nicht vor Ort leben und Pflege nicht organisieren können. Und nicht zuletzt ist es trotz gesetzlicher Nachbesserungen nicht einfach, Pflege, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Man liest viel über Pflegeroboter oder telemedizinische Anwendungen in den eigenen vier Wänden. Welche technischen Hilfsmittel werden in den nächsten Jahren kommen?

Der Markt für technische Assistenzsysteme ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Es gibt immer wieder neue Produkte auf dem Markt, wobei die dahinterliegenden Funktionalitäten sich nicht erneuern. In der Nutzenbewertung solcher Systeme stehen wir noch am Anfang. Aktuell beschäftigt sich ein Projekt des Bundesgesundheitsministeriums mit der Entwicklung von Maßstäben.

Wenden wir uns einmal der Praxis eines Pflegeberaters zu. Wie wichtig ist eine gute Softwareunterstützung?

Das ist sehr wichtig, aber nicht alles. Bei der Pflegeberatung haben Pflegebedürftige und ihre Angehörigen einen spezifischen Beratungsbedarf. Zum Beispiel brauchen sie Informationen, um eine Entscheidung zu treffen. Seltener, aber bei etwa zehn Prozent der Pflegebedürftigen geht es um die Erstellung einer individuellen Hilfe- und Versorgungsplanung. Wir brauchen daher Experten, die auch mit der Software umgehen können. Aber im Fokus steht der persönliche Kontakt zum Versicherten, um für die individuellen Bedürfnisse ein entsprechendes Paket zu schnüren.

Kann eine Pflegekasse die vielen Fälle und Leistungen überhaupt noch ohne gute IT-Unterstützung bearbeiten?

Wenn es um punktuelle Beratung oder Wissensvermittlung geht, dann ist die IT unerlässlich. Bei dem klassischen Fallmanagement bei der Pflegeberatung ist der persönliche Kontakt aber natürlich auch ganz wichtig. Der Mix macht es aus.

Der menschliche Faktor ist und bleibt wichtig. Aber gerade bei der Fallabwicklung spielt die IT ihre Stärken aus?

Auf jeden Fall. Die Bearbeitung von Leistungsentscheiden ist heute ohne technische Unterstützung nicht mehr denkbar. Zukünftig kann zum Beispiel das Antragsverfahren sicherlich etwas sein, das schnell und automatisiert im Hintergrund in der sogenannten Dunkelverarbeitung läuft.

Jetzt verfügt die AOK mit oscare® über eine umfassende Softwareunterstützung. Was könnte im Pflegebereich noch besser funktionieren?

Eine technische Unterstützung zur Verwaltung der Vertragspartner zum Beispiel. Aktenordner in Archiven zu lagern und auf Papier zu pflegen ist heute nicht mehr zeitgemäß. Das zu digitalisieren wäre daher ein großer Schritt.

Wie schon erwähnt sind die Patienten und ihre Angehörigen auch wichtige Kunden. Und dank oscare® geht vieles schneller und einfacher. Ist oscare® also auch ein wichtiger Wettbewerbsvorteil für die Gesundheitskasse?

Das glaube ich schon. Wichtig ist, dass der Versicherte seine Leistung schnell und zuverlässig bekommt. Dafür brauche ich eine funktionierende Software. Allein schon dafür, um die Leistungsbeträge pünktlich monatlich auszuzahlen. Diese betragen für das gesamte Pflegeversicherungssystem 23 Milliarden Euro im Jahr.

Und wo kommt die Software derzeit noch an ihre Grenzen?

Am Pflegestärkungsgesetz zum Beispiel wurde bis kurz zum Schluss noch geändert. Leider war es nicht mehr möglich, diese Änderungen auch alle zeitnah und adäquat in oscare® abzubilden. Es ist aber auch so: Jedes Pflegegesetz beansprucht immer mehr Ressourcen bei den AOKs.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welche Funktion in oscare® wäre eine große Erleichterung?

Wir haben da eine ganze Liste. Höchste Priorität hat immer die schnelle Umsetzung von Gesetzesänderungen.

Die Fachleute bei der AOK Systems sagen, dass die Politik bei der Verabschiedung nicht ausreichend bedenkt, dass die entsprechenden Regelungen erst einmal in den IT-Systemen der Sozialversicherungsträger abgebildet werden müssen.

Das stimmt. Wir alle würden uns da sicher mehr Vorlaufzeit wünschen.

Klar ist aber: Auch in der nächsten Zeit wird es weitere Änderungen geben. Können die Politik und die Gesellschaft überhaupt noch mit der demografischen Entwicklung Schritt halten?

Momentan hängen wir immer hinterher. Das liegt auch an der fehlenden Gesamtstrategie. Die Politik macht immer nur kleine Schritte, weil für größere Schritte der parteiübergreifende Konsens fehlt. Ob die Prognosen zum demografischen Wandel aber wirklich stimmen, wage ich zu bezweifeln. Ich kann nicht dreißig Jahre in die Zukunft schauen. Das ist Kaffeesatzleserei.

Werfen Sie trotzdem mal einen Blick in die Glaskugel: Wie sieht es 2030 im Pflegebereich aus?

Pflege wird noch viel präsenter in der Gesellschaft sein. Das hat sich bereits in den vergangenen fünf Jahren stark verändert. Es wird eine größere Bereitschaft geben, in die Pflege zu investieren, weil sie jeden treffen kann. Was die Versorgungsstrukturen angeht, möchte ich keine Prognose machen. Ich wünsche mir nur, dass für jede Situation die passenden Angebote vorgehalten werden.

Zur Person:

Die Diplom-Volkswirtin Nadine-Michèle Szepan ist Abteilungsleiterin Pflege in der Geschäftsführungseinheit Versorgung beim AOK-Bundesverband. Schwerpunkte ihres Studiums waren Gesundheitsökonomie und Public Health. Sie war zuvor bei der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dem Hartmannbund sowie beim GKV-Spitzenverband tätig.