sysTEMATIC - Newsletter der AOK Systems

0.4 Mensch und Meinung

Wandel programmieren

Die einzige Konstante ist die Veränderung. Das gilt auch für die IT in der GKV. Produkte müssen weiter- und neu entwickelt werden. Erfahren Sie im Interview mit Michael Günther, welche Prozesse sich bewährt haben, damit Software leistungsfähig bleibt.

Was genau passiert im Geschäftsbereich Entwicklung?

Günther: Der Geschäftsbereich ist für die Herstellung, Wartung und Pflege von oscare® verantwortlich. Das hört sich recht kompakt an, aber durch gesetzliche Änderungen, funktionalen Zuwachs und neuen Technologien ist die Software in den vergangenen Jahren umfangreicher geworden. Zur Veranschaulichung: wir bewegen uns mittlerweile bei rund 61 Millionen Programmierzeilen. Wir versuchen durch vorausdenkende Entwicklung und engagierte Beratung sicherzustellen, dass zukunftsfähige Produkte beim Kunden zum Einsatz kommen.

Wie funktionieren Wartung und Pflege der Software?

Günther: Der Geschäftsbereich Services bearbeitet Fehlermeldungen von Kunden, sogenannte Support Desk Meldungen, auch SUDs genannt. Sie werden dort angenommen und priorisiert. Ein Großteil der Meldungen kann ohne eine Softwareänderung beantwortet werden. Entsprechend der Priorisierung werden die übrigen Meldungen für die Umsetzung in den nächsten Releases oder Support-Packages eingeplant.

Ist eine Priorisierung notwendig und wichtig?

Köhler: Ja. Anhand der Priorisierung einer SUD entscheidet sich, ob eine erforderliche Korrektur in einem Support Package, einem Release oder als Einzelhotfix ausgeliefert werden kann bzw. muss. Ein wichtiges Kriterium für die Priorisierung einer SUD ist natürlich auch die Summe der Mitarbeiter in den Kassen, die davon betroffen ist und in der Folge in dem betroffenen Modul ggf. nicht arbeiten kann. Kritische Korrekturen sind aber Ausnahmen. Im Falle eines Falles werden sie in die Kategorie Einzelhotfix eingeordnet und kommen umgehend zum Einsatz. Erfolgt die Zuordnung von Korrekturen zu Support Packages, werden diese meist monatlich, in Releases halbjährlich ausgeliefert.

Wie kommt es zu der Weiterentwicklung von Produkten?

Koch: Sie erfolgt grundsätzlich durch Change Requests, auch CRs oder Änderungsanträge genannt. CRs beinhalten im Wesentlichen neue fachliche oder technische Anforderungen, die zur Umsetzung gesetzlicher Änderungen, technischer Erfordernisse, individueller Kundenanforderungen oder auch zur Absicherung geplanter Produktivsetzungen dienen. Diese werden dann durch den Geschäftsbereich Entwicklung und das Produktmanagement analysiert. Unter den Anforderungen treffen wir unter Berücksichtigung verschiedenster Kriterien und Einbezug der Kunden eine Auswahl. Anschließend beginnen wir mit der Konzeption und Entwicklung der eingeplanten CRs. Die Auslieferung der Weiterentwicklungen in Form von Releases findet Anfang März und September statt. Das sind die Termine, zu denen wir die Releases ausliefern, die zur Jahresmitte und zum Jahresende in die Produktion übernommen werden.

Wann kommt es zu der Neuentwicklung eines Produkts?

Ridder: Soll ein Produkt entwickelt werden, beauftragt uns das Produktmanagement. Wir erheben dann zunächst die konkreten Anforderungen im Rahmen von Prozessanalysen. Erst dann entsteht ein Auftrag für die Entwicklung eines Produktes. Auf dieser Basis erstellen wir ein Konzept und stimmen die Inhalte kontinuierlich mit dem Kunden ab.

Ist das dann der Startschuss zur Programmierung?

Nein. Wir fangen bereits auf Basis des Grobkonzepts mit der Entwicklung an, somit ist der Prozess fließend. Wir betreiben agile Softwareentwicklung und versuchen iterativ, mit geringem bürokratischem Aufwand vorzugehen. Nachdem das Produkt fertig entwickelt ist, erfolgen die Qualitätssicherung und der Einsatz beim Kunden, der das Produkt entsprechend lizenziert hat.

Bedingen Produktentwicklungen auch neue Technologien?

Ridder: Das kommt vor. Dabei müssen wir darauf achten, dass wir diese harmonisch in die bestehende Systemlandschaft integrieren. Und dafür sorgen, dass es zu keiner Überforderung der Linienentwicklung oder unserer Geschäftspartner wie Rechenzentren oder der IT in den Kassen führt. Manchmal sind Erneuerungen auch dadurch bedingt, dass wir „in“ und „rund um“ eine Standardsoftware entwickeln. Außerdem führt die SAP innovative Erweiterungen durch, die dann natürlich auch Einfluss auf oscare® haben.

Wie kommt das neue Produkt zum Einsatz in den Kassen?

Günther: Das übernehmen die beratenden Kolleginnen und Kollegen aus dem Geschäftsbereich Kompetenz-Pool. Sie unterstützen bei der Einführung eines neuen Produkts, zum Beispiel durch Mitarbeiter-Schulungen, Einstellungen am System, Tests beim Kunden etc.

Bei der Menge und Komplexität der Anforderungen ist es gewiss nicht leicht, immer alle Kunden unmittelbar zufriedenzustellen.

Günther: Wir versuchen, was möglich ist. Die Änderungshäufigkeit durch Gesetze, Verordnungen und Vereinbarungen ist sehr hoch. Das wissen unsere Kunden auch. Bei den Systemen gibt es viele Abhängigkeiten, die der Sachbearbeiter nicht sieht und auch nicht sehen kann. Daher müssen wir alle Änderungen der komplexen Software genau abwägen und priorisieren. Aber das ist nach über 15 Jahren Erfahrung mittlerweile ein eingespieltes Prozedere.