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0.1 Gesundheit und Politik

Europa vernetzt sich

Das Gesundheitswesen wird sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern. Grund sind nicht nur neue Medikamente oder Behandlungsmethoden, sondern vor allem telemedizinische und telematische Anwendungen. In Deutschland überwiegen noch die Bedenken. Machbar ist vieles, umgesetzt bisher wenig. Verkrustete Strukturen und eine unüberschaubare große Zahl von Playern mit unterschiedlichen Interessen erschweren hierzulande Innovationen. Ein gutes Beispiel dafür ist die eGK. Viel mehr als eine Versichertenkarte mit Bild ist sie bisher nicht. In anderen Ländern sieht das schon anders aus. Ein Blick über die Grenzen Europas.

Mit Kärnten verbinden die meisten Urlaub und gutes Essen, eine innovative Gesundheitsversorgung kommt den wenigsten in den Sinn. Aber seit 2011 ist das Land Kärnten eine der neun Regionen des von der EU geförderten Projekts „Renewing Health. Regions of Europe Working together for Health“. Damit soll die telemedizinische Versorgung chronisch kranker Menschen verbessert werden. Am Pilotprojekt in Kärnten nehmen drei Akutkrankenhäuser und das Rote Kreuz teil. Ziel ist die bessere Behandlung von Patienten mit Diabetes und chronisch obstruktiver Lungenkrankheit (COPD). Die Kliniken wurden dazu mit speziellen Schnittstellen ausgestattet, damit sie strukturierte Dokumente verarbeiten können und eine sichere Kommunikation gewährleistet ist. Die Patienten können über ein sicheres Web-Portal und einem automatischen Call-Center mit ihren Betreuern in den Kliniken Kontakt aufnehmen und Daten übermitteln. Dabei handelt es sich vor allem um Vitaldaten, die die Patienten selbst messen, und einen täglichen Fragebogen zur gesundheitlichen Situation. Erleichtert wird das Projekt durch die vorhandenen IT-Strukturen im Kärntner Gesundheitswesen. So nutzen bereits alle Krankenhäuser die elektronische Übermittlung von Krankenakten. Die Kommunikation wird über sichere Mailboxen und digitale Signaturen abgewickelt. Ein weiteres Plus: Alle Mitarbeiter der zwölf Kärntner Hauspflegeorganisationen sind bereits mit mobilen Geräten ausgestattet. Diese erlauben eine schnelle und ortsunabhängige Übermittlung von Daten sowie die elektronische Abrechnung von Leistungen.

England setzt auf Telemedizin

Laut einer WHO-Studie ist der Einsatz von telemedizinischen Anwendungen in Südostasien am weitesten fortgeschritten – danach folgen Europa und Amerika. In Mexiko wurden zum Beispiel 30 Screeningeinheiten mit zwei medizinischen Zentren verbunden. Dadurch konnten landesweit innerhalb 18 Monaten 1,3 Millionen Brustscreenings vorgenommen werden. In Europa ist die Telemedizin neben den skandinavischen Ländern – was sicherlich in der dünnen Besiedelung begründet ist – vor allem in Großbritannien bereits großflächig im Einsatz. Die Finanzkrise hat diese Entwicklung noch beschleunigt, da sich die Politik dadurch weitere Einsparmöglichkeiten für das ohnehin chronisch klamme Gesundheitswesen erhofft. Im Dezember 2012 startete das britische Gesundheitsministerium daher die Kampagne „Three Million Lives“. Erhebliche Investitionen wurden in den Ausbau der telemedizinischen Strukturen getätigt, gleichzeitig ermutigten die lokalen Gesundheitsverwaltungen die Ärzteschaft, mehr auf die Telemedizin zu setzen. Insgesamt erhofft man sich durch Ferndiagnosen, die ärztliche Betreuung vor allem chronisch Kranker zu verbessern und zu vereinfachen – sowie dabei Kosten einzusparen. Bereits heute werden zehntausende Patienten auf der Insel so betreut. Eine große Rolle beim Ausbau der dortigen IT-Strukturen spielen Unternehmen wie Pfizer oder Vodafone, die hier einen neuen erfolgsversprechenden Markt sehen und den Ausbau vorantreiben.

Diagnose per Datenleitung

Eine englische Besonderheit ist die Online-Praxis DrEd. In England ist das Geschäftsmodell seit einigen Jahren sehr erfolgreich am Markt – was sicherlich auch daran liegt, dass die Rechtslage klar ist: Ferndiagnosen und die Verschreibung von Rezepten sind zulässig. In Deutschland bewegt sich DrEd in einer Grauzone. Trotzdem nehmen auch hierzulande immer mehr Patienten im virtuellen Wartezimmer Platz – trotz erheblicher Bedenken der Verbraucherschützer und der Widerstände der Ärzteschaft. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, dass England Deutschland bei der Telemedizin um Jahre voraus sei. Außerdem würden die Standesorganisationen der deutschen Mediziner ihre Berufsordnungen nicht den Patientenwünschen anpassen. Allerdings wird ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben. Denn bis Oktober muss auch in Deutschland eine EU-Richtlinie zur Mobilität von Patienten umgesetzt werden. Das beinhaltet, dass auch Verschreibungen in anderen Ländern in Deutschland anerkannt werden müssen.

Grenzverkehr im Krankenhaus

Auch in Deutschland gibt es eine Vielzahl vorbildlicher und innovativer telemedizinischer und telematischer Projekte. Das Hauptproblem dabei ist aber, dass es sich immer nur um einzelne Initiativen handelt, und nicht um einen flächendeckenden, strukturierten und vernetzten Einsatz. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Initiative ist das Telemedizin-Projekt der Euroregion Pomerania. Damit soll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von polnischen und deutschen Ärzten in der Region Vorpommern, Nord-Brandenburg und Westpommern verbessert werden. Insgesamt 35 Gesundheitsversorger – 20 deutsche und 15 polnische – arbeiten in verschiedenen Fachgebieten zusammen. Beteiligt sind Krankenhäuser und universitäre Einrichtungen aus den Fachgebieten der HNO, Kardiologie, Ophthalmologie, Pathologie und Radiologie. Außerdem findet eine Zusammenarbeit bei der Versorgung von Krebs- und Schlaganfallpatienten statt. Ziel ist es, kleinere Krankenhäuser besser mit den großen medizinischen Zentren zu vernetzen, damit diese auf das dort vorhandene medizinische Know-how und die Untersuchungsgeräte zugreifen können – gleichzeitig sollen Überkapazitäten in den großen Einrichtungen sinnvoll genutzt werden. Das Projekt wurde mit rund 13 Millionen Euro der EU und der beteiligten Partner finanziert.

Austausch am Bildschirm

Ein wichtiger Bereich des Projekts ist die Telepathologie. Einerseits nimmt die Zahl der pathologischen Institute in Deutschland ab, gleichzeitig steigt die Anzahl der zu befundenden Proben. Bei der Behandlung von Krebs spielen so genannte Tumorkonferenzen, in der sich verschiedene Experten austauschen, eine immer wichtigere Rolle. Aber nicht jedes kleine Krankenhaus verfügt über so eine breit gefächerte medizinische Kompetenz, oft fehlt bereits der Pathologe. Daher wurden in kleinen Kliniken wie Stralsund, Wolgast oder Demmin Scanner installiert, mit denen Proben über eine sichere Datenleitung nach Greifswald geschickt werden können, wo die Experten des dortigen pathologischen Instituts zur Beratung hinzugezogen werden können. Das gleiche Verfahren wird auch im Bereich der Teleradiologie zur Befundung von CT-Untersuchungen angewandt sowie in den anderen beteiligten Fachgebieten. Eine große Rolle beim optimalen Austausch der Mediziner spielen dabei Videokonferenzen: An 14 Standorten gibt es insgesamt 28 Besprechungsräume und 23 Stationszimmer, die mit dieser Technik ausgestattet sind. Dazu kommen noch 75 Notebooks, mit denen man an Videokonferenzen teilnehmen kann. In Zukunft soll dies auch über mobile Geräte möglich sein, einschließlich der gleichzeitigen Übertragung von Daten.